Duftbaeumchens Blog

Abseits III

Posted by duftbaeumchen - 9. Juli 2006

Die internationale Groß- und die spezielle Kleinwetterlage in und um Leipzig veranlassten mich am Samstag (gestern sozusagen) zu einer ausgedehnten Shoppingtour. Erst zum EKZ am Rande der Stadt, dann in selbige mitten hinein.
Ich war bereits ca. 5 Stunden per pedes unterwegs, da erreichte mich auf dem Heimweg eine mobile und kurze Nachricht. "… hast du lust heute abend mit mir in die stadt(augustusplatz) zu gehen und fußball zu gucken?" (1)
Bloß gut, daß ich da soeben herkam. Aus der Stadt.

Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet.
Schnuckeline (hdl) – momentan bis über ihre zwei kleinen Ohren hinaus in Prüfungsstresslinge eingebuddlt – gönnte sich eine Lernpause.

Eigentlich wollte ich den Abend gemächlich ausklingen lassen, die geschundenen Füße hochlegen und entspannen. Also nicht nur die Füße, so ganz allgemein.

Ein 20-km-Dauerlauf ist weniger anstrengend als ein Schlendrian von Kleiderständer zu Kleiderständer, von Kaufhaus zu Kaufhaus. Die Mehrzahl der Frauen wäre froh, einen Mann wie mich an ihrer Seite zu wissen, der geduldig 827 Hemdchen, Blüschen und Höschen in ebenso vielen Kaufmannsläden begutachtet, um am Ende ohne passendes Kleidungsstück wieder gen Heimat zu pilgern. Die in den großen Einkaufstempeln gruppenförmig auf separaten Sitzgelegenheiten drapierten meist männlichen Taschenträger zeugen von der genetisch bedingten Verständnislosigkeit weiblichen Jagdinstinkten gegenüber. Der Mann als solches ist eben nur mit.
Mir scheint, bei meiner Herstellung ist programmiertechnisch das eine oder andere Modul aus der falschen Schublade gezogen worden – ich bin anders. Aber das führt hier zu weit und mich vom Wege ab.

Weiter im Text.
Ich hatte sogar Glück, etwas passendes zu finden. Und auch wieder nicht.
Hemd N°1 wurde in der Zeit, die ich brauchte, um vom Kleiderständer zur Kasse zu gelangen – geschätzt ca. 20 Sekunden – um fünf Euri im Preis gesenkt. Statt 19,95 nur noch 14,95. Mein Einwand, das Teil für diesen minderen Betrag dann doch nicht zu erwerben, wurde von der Kasseuse kurzerhand abgewiesen. "Entweder sie nehmen es für 14,95 oder gar nicht." Da ich keine Lust auf weitere Diskussionen hatte, ließ ich mich breitschlagen.
Das gesparte Geld kann man ja auch anderweitig in Ware tauschen.

Irgendwann mal.


Bei Hemd N°2 verließ mich das Glück dann auch gleich wieder.
Prinzipiell gefiel es mir schon; auch die Besichtigung meines Spiegelbildes verstärkte den Kaufzwang zusätzlich. Als ich dann jedoch beim Ausziehen einen flüchtigen Blick auf das kleine unscheinbare Schildchen am Fädchen am Stöffchen warf, schlug die positive Grundstimmung spontan in Abneigung um. "Nee, so richtig zufrieden bin ich dann doch nicht." Der Verkaufsberater freute sich bestimmt schon ein Loch in den Bauch, diesen Fetzen Stoff unters Volk gebracht zu haben.
Nicht mir mir. 64,95 Euri sind für ein kurzbeärmeltes Sommerhemdchen eindeutig zu viel. Analog zu den Preisstrukturen bei Dessous und Bademoden: je weniger Stoff, desto mehr Geld.
Und eigentlich gefiel es mir sowieso nicht. Dieser Schnitt, die Farbe und das Material erst… Einfach grässlich. Sowas kauft doch niemand.

Doch ich schweife ab.

Frau Dr. i.A. P. mußte also mal raus. Ein großrahmiges Fußballspektakel erschien ihr als optimales Mittel abzuschalten.
Kann man solch einer Bitte, vielmehr diesem Hilferuf einer verzweifelten Kreatur mit Ignoranz, gar mit Ablehnung begegnen?

Natürlich nicht.


Ich mußte somit die bis heute (Sonntag) Mittag anberaumte Regenerationsphase auf zwei Stunden verkürzen. Essen, Trinken, Aufhübschen.

Eine Stunde vor Anpfiff trafen wir im "Public View"-Bereich auf Herrn H. nebst Bruder und werter Gattin. Frau M. (hdal) konnte der Veranstaltung aus innerbetrieblichen Gründen leider nicht beiwohnen. Schade.

Ganz so kuschelig wie am Dienstag war es zwar nicht, trotzdem hatten reichlich Öffentlich-Gucker den Weg in die Innenstadt gesucht und gefunden.

Bunt bemalt, beschalt und bemützt.


Um nicht unnötig aufzufallen und als Ahnungslose enttarnt zu werden, wurden Frau P. und meine Wenigkeit von international renommierten Make Up-Artisten beiseite genommen und dem Anlaß entsprechend optisch modifiziert. Die für extra und hochgradig weiße Wäsche bekannte Firma Henkel stellte dafür eine besonders fettreiche und an Kleidungstücken vorzüglich haftende Schminke in den Landesfarben bereit.
Jetzt erst gehörten wir richtig dazu und harrten der Dinge, die den weiteren Verlauf des Abends prägen sollten.
Frau P. – ausgewiesene und selbstbekennende Nichtbiertrinkerin – hatte ständig Behältnisse mit Gerstensaft in den Händen. So verwunderte es auch nicht, daß die Damen zeitgleich mit dem männlichen Rest der Gruppe halbzeitig im Getümmel verschwanden und mich mutterseelenallein zurückließen. Sozusagen die Stellung zu halten.
Und unsere Position war nicht die schlechteste. Rein sichtmäßg. Die optische Verfolgung des Spieles verlief zumindest in der ersten Halbzeit sehr entspannt. Vielleicht bin ich in den letzten Tagen gewachsen oder die größenmäßige Verteilung der Zuschauer war eine andere, als beim vorhergehenden Spiel der deutschen Mannschaft.
Ich tippe auf letzteres.

Diesbezüglich schlage ich an dieser Stelle den Veranstaltern solcher Massenzusammenkünfte vor, eine generelle Einteilung in körperhöhenabhängige Gruppen vorzunehmen und diese entsprechend im Gelände zu verteilen. Man sieht einfach besser.
Derartige Ereignisse entwickeln eine Eigendynamik, das glaubt man kaum.
Gerade noch freie Sicht nach vorn, fünf Minuten später schon ist der Blick durch Hälse, Köpfe und andere menschliche Extremitäten verbaut. Und keiner der Beteiligten hat sich dabei merklich bewegt.
Besonders nachteilig macht sich das bei Frei-, Straf- und anderen Stößen bemerkbar.
Das Publikum ist live dabei und macht mit.

Mit den Händen.


Erst zappelnd dicht über den Köpfen, dann nach oben schnellend im Moment des Schusses. Vom Spielgeschehen ist da nicht mehr viel zu sehen; die wirklich interessanten Szenen bleiben dem nicht direkt vor der Leinwand (2) stehenden Betrachter verborgen. Dafür kann man ganz genau sehen, ob die Finger der Vorstehenden gewaschen sind.

Sofern es die Lichtverhältnisse zulassen.


Außerdem gibt’s ja die Zusammenfassung in der Sportschau.

Vielleicht.


Als die Damen vom Bier-wegbringen und die Herren vom Nachschub-besorgen zurückkamen, hatte sich die quasi-optische Sicht zu unseren Gunsten verschlechtert.
Irgendwas geht aber immer, man muß nur flexibel genug sein und leichten Schrittes passende Lücken suchen. Die Leinwand in ihrer ganzen Größe konnte ich allerdings erst nach dem Spiel wieder bewundern.
Macht nichts, wir haben ja gewonnen. Und die Tore wurden ausreichend infernal-akustisch untermalt.

Zumindest die für unsere Mannschaft wichtigen.


Damit waren die euphorischen Reaktionen der Anwesenden das ganze Gegenteil zum dienstäglichen Debakel. Hupkonzertierende Autokolonnen durchpflügten die Stille der Nacht. Menschenmassen pilgerten gröhlend, pfeifend und jubilierend von A über B nach C. Freude und Frohsinn allerorten. Nur die portugisischen Restaurants waren Orte der Besonnenheit.
Wir pilgerten mit. Ncht ohne an diversen Getränkeausgabestellen technische Rast zu machen. Der menschlische Organismus muß nun mal durch reichlich Flüssigkeitszufuhr funktionstüchtig gehalten werden. Das ist eine biologische Gesetzmäßigkeit und bei der Wärme besonders wichtig und unabdingbar.

Da gannsde nüschd machen, da mussde dorsch.


Schließlich beendeten wir frohen Mutes in der Morgendämmerung unsere kleine spontane Unternehmung. Herr H. als Pedalist, Bruder H. nebst Gattin mit der Taxe und ich nahm Frau P. unter den Ärmel und lieferte sie höchstselbst zu Hause ab. Da, wo sich Fuchs und Hose buchstäblich "Gute Nacht" sagen; am Ar*** der Welt eben.
Vier Uhr zweiundzwanzig zeigten die Leuchtziffern, als ich mein Bett bestieg.
Vier Uhr zweiundzwanzig schickte sich der Tag an, zu neuem Leben zu erwachen.

Das Endspiel fand heute mal ohne mich statt.


Wir sind ja bereits Weltmeister. Man(n) muß auch mal Pause machen und aufhören, wenn es am schönsten ist.

Schluß jetzt. Reicht.


Fußball interessiert mich doch gar nicht.

—–
(1) Auf Zeichensetzung und Groß-/ Kleinschreibung möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Der Leser von Welt versteht auch so, was gemeint ist.

(2) Die Leinwand war natürlich gar keine. Im Zeitalter der modernen Projektions- und Rechentechnik wird nicht mehr mit schnöder Stofftapete gearbeitet. HiTec auf 65 qm bringt die Geschehnisse bis in die hintersten Reihen – sofern nicht allzuviele Köpfe den Weg versperren.

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