Duftbaeumchens Blog

Ballspiele…

Posted by duftbaeumchen - 17. Juni 2006

… oder "Der Tag nach morgen"


Dunkle Wolken versperrten der Sonne den ungehinderten Blick auf Leipzig. Das Grollen in der Ferne könnte bedeuten, daß die Wettermaus im Radio doch nicht geschwindelt hat.
"Bis das Gewitter bei uns ist, bin ich längst an meinem Ziel angekommen.", schwirrt mir durch den Kopf. Mein Ziel war die Innenstadt – der Schirm blieb also im Schrank.

Ich traf mich mit Schwester K. an der Straßenbahnhaltestelle.

Wir standen und warteten auf die Tram, da warf doch tatsächlich jemand einen Schneeball.

Mitten im Juni.

Drei Meter neben uns kam das Ding (mehr Eis als Schnee) auf dem Fußweg zur Ruhe.
Es fühlte sich einsam, weswegen sich Wassertropfen zu ihm gesellten. Erst kleine und dann auch größere.

Und noch ein Eiskügelchen.
Und noch eins. Und noch eins.


"Na jetzt wird’s interessant."

Also ich bin ja auch schon ein paar Tage alt, aber was sich in den folgenden Minuten abspielte, hatte ich die letzten vierzig Jahre nicht erlebt.
Wer den Film "The day after tomorrow" gesehen hat und sich an die Szene mit den riesigen Hagelkörnern in Japan erinnert, der kann sich ein ungefähres Bild davon machen, was hier abging.

Ich war live dabei und mittendrin.


Plötzlich wurden sackweise tischtennisballgroße Eiskugeln auf uns herabgeschüttet. Ohne Rücksicht auf Mensch und Technik.

So schnell krichste den Schirm gar nich uff.


Die am Straßenrand zur Ruhe gebetteten blechernen Gehhilfen gaben Töne von sich, als ob jemand mit schwerem Geschütz auf sie feuerte. Auch in fünf Metern Entfernung konnten man deutlich sehen, daß das Wasser einen gefährlichen Aggregatzustand angenommen hatte und lackiertem Stahlblech ganz schön zusetzen kann.

Erstaunlich, wie flexibel Autolack ist.


Zwischenzeitlich war Schwester K. so frei, ihren vorsorglich mitgeführten Regenschirm aufzuspannen.

Ein Mini-Knirps.


Für zwei Personen nur bedingt geeignet und trotzdem für’s Überleben in der Großstadt äußert wichtig.


Die Straßenbahn in Sichtweite bewegte sich keinen Meter.
Das war wie die Kombination von Deutscher Bahn und einer Schneeflocke. Sobald sich Weißröckchen auf dem Geleise niederläßt, gibt der Stahlkoloss klein bei und kapituliert. Die Bahn verspätet sich.
Die Hauseingänge in nächster Nähe waren bereits durch andere Passanten besetzt und so blieb uns nur der einem Cocktailschirmchen gleichende Regenschutzapparat.

Für zwei Köpfe reicht’s gerade so nicht.


Mir wurde feucht an der Platte.
An dieser Stelle muß ich den kühnen Schirmbauern ein dickes Lob aussprechen.
In dem Moment, als ich den Knirps etwas mehr über meine wenigen Haare dirigierte…

… Volltreffer.


Naja, fast. Es klang schon gefährlich zehn Zentimeter über meinem Haupte, doch der Stoff verhinderte einen direkten Kontakt eines Eisgeschosses mit meiner Schädeldecke.
Massives Streufeuer von oben. Die weißen Murmeln bedeckten mittlerweile fast komplett die Straße.
Nur langsam tastete sich die Bahn vorwärts und näherte sich der Haltestelle.

Endlich.
Mit geschickten, den Pfützen und Geschossen ausweichenden Sprüngen erreichten wir die schützende Behausung. Innerhalb der Blechkiste auf Rädern klang das Ganze noch interessanter. Als ob hunderte Fenstergucker in der Fußballpause ihrem Frust Luft machen wollten und aus dem vierten Stock mit Schmackes Kieselsteine auf die vorbeifahrende Bahn warfen.
Menschen hasteten schutzsuchend über die nassen Gehwege. Die am Straßenrand warteten Bäume konnten vor Schreck ihre Blätter nicht mehr halten und verteilten selbige großflächig auf dem Boden.
Die Fußwege in Landesfarben – sattes Grün garniert mit weißen Eisbrocken.

Nach einer Viertelstunde Dauerfeuer waren die Magazine leer und der fehlende Nachschub wurde durch "Flüssignahrung" ersetzt.

Als wir ausstiegen, schüttete es wie aus Kübeln.

Haltestellenhäuschen werden genau so groß gebaut, daß immer mindestens eine Person nicht mehr drunter paßt. Und falls man doch zu den Glücklichen gehört, die einen Platz unter dem Dach finden – die nächste Bahn schiebt mit Sicherheit eine knöchelhohe Flutwelle vor sich her und über die Füße der Schutzsuchenden.

Schwester K. zog es vor, den Rest des Weges schuhlos fortzusetzen.

Bloß gut, das der moderne Mensch von heute immer ein Paar Wechseltreter im Gepäck hat.

Somit stand dem Salsatraining nichts im Wege.


Das Schutzhäubchen meines Wettersensors mußte leider daran glauben. Ein Eiswürfel ging glatt durch. Ob das die Versicherung bezahlt?

Aber dafür ist meinem Schirm zu Hause nichts Schlimmes widerfahren.
Danke der Nachfrage, ihm geht es den Umständen entsprechend gut.

P.S. So ein Tiefgaragenstellplatz hat eben nicht nur Nachteile…

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