Duftbaeumchens Blog

Schichtbetrieb

Posted by duftbaeumchen - 11. Mai 2006

Seit mehr als zwanzig Jahren war ich nicht mehr im Leipziger Zoo. Von zwei Kurzbesuchen ohne Fleischbeschau mal abgesehen.
Frau Frülln, liebste Freundin, Kollegin und Nachbarin, inspirierte mich, obengenannte und weitere Örtlichkeiten im Rahmen einer "Nachtschicht" zu besuchen.

Gedacht – gesagt – getan.


Nachdem wir Frau Sushi beim Rosenstolz-Konzert mit dem, ich zitiere, "geilen Peter" abgeliefert, die liebreizende Zappel-Ilka (im Volksmund auch "Dings" genannt) und Susa und Marco in Empfang genommen hatten, ging’s auch schon los.

Im Lauf der Jahre hatte sich einiges geändert und erneuert.

Nicht nur die Preise.


Allerdings haben wir von den Neuigkeiten nicht viel gesehen. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit hatten sich viele Tiere bereits in ihre Privatgemächer zurückgezogen bzw. wurden die großen Attraktionen der Öffentlichkeit gar nicht erst zugänglich gemacht.
Für den niedrigen Sondereintrittspreis verständlich; man soll ja noch mal wiederkommen.

Die Lieferung der neuen Bergziegen war so frisch, daß noch nicht mal genügend Zeit war, die Preischilder von deren Ohren zu entfernen. Darüber schien sich ein Büffelkalb so gefreut zu haben, daß es wie blöde durchs Gehege rannte. Hin und her, vor und zurück – ohne ersichtlichen Grund.
Vielleicht war auch das Abendessen zu fett und ihm wurde eine extra "Portion" Abendsport verschrieben.

Wer weiß; so ein Büffel redet ja auch nicht mit jedem.


Doch erblickte ich auch Vertrautes.

Im Eingangsbereich zum Beispiel standen nach wie vor die rosa Langhals-Pinguine (allgemein bekannt als Flamingos) einbeinig in der Landschaft ‚rum und erzählten sich die Erlebnisse des Tages. Ob sie seit meiner vor Jahren durchgeführten Begutachtung ausgetauscht, neu angemalt oder vom Schönheitschirurgen behandelt wurden, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls sahen die noch genauso aus wie damals.

Auch das Aquarium/ Terrarium schien sich nicht verändert zu haben. Die Krokodile bewegten sich nur äußert unwillig bis überhaupt nicht, die Fische beguckten sich ungläubig die vorbeischlendernden Menschen (und umgekehrt) und allerlei Krabbel-, Flug- und Kriechtiere hingen faul im Geäst.

Irgendwie kam mir das früher größer vor. Vielleicht, weil ich da noch kleiner war?
Wie dem auch sei. Mal sehen, wie es in zwanzig Jahren aussieht.

Auf zur nächsten Station. 47 Museen und Sammlungen wollen bestaunt werden.

Wir wählten als Folgeziel das neugebaute Bildermuseum. Wir – mittlweile hatte sich der Personenkreis um zwei weitere Personen vergrößert – waren uns einig, daß wir in absehbarer Zeit diese Kunststätte sicher nicht von innen sehen werden. Also packten wir die Gelegenheit beim Schopfe.

Erster Eindruck: riesig.


Zweiter Eindruck: zu viel Luft im Kasten.


Kunst braucht Raum sich zu entfalten. Sagt man.
Im "Museum der bildenden Künste" ist Raum. Jedoch steht die Menge an Kunst meiner Meinung nach in keinem gesunden Verhältnis zur Menge an Raum.
Einen Teil der Millionen Euri hätte und würde sich die Stadt locker sparen können. Riesige Hallen mit nichts drin außer Treppen; der voluminöse Eingangsbereich – genauso hoch wie das Gebäude selbst – will auch im Winter beheizt werden. Nackter Beton vermischt mit Holz. Hier haben sich Architekten ausgetobt.

Oder auch nicht.


Seltsame Klänge erreichten unsere Ohren als wir das Gebäude betraten.

"Mit dem Percussionisten
Christian von Richthofen
auf Entdeckungstour"


In Bauarbeiterhandschuhen und mit zwei Trommelstöcken bewaffnet malträtierte er das hölzerne und damit akustisch hervorragend geeignete Treppengeländer. Von oben bis hinunter ins Erdgeschoß. Verwirrt verharrten die Besucher ob dieses Spektakels. Ich vermute, solche Aktionen wurden bereits bei der Planung des Gebäudes berücksichtigt. Ein rostiger Stahlrohr-Handlauf hätte natürlich auch seinen Zweck erfüllt.

Klingt aber nicht so warm und abwechslungsreich.


Wir hielten ihn nicht von seinem Tun ab und erkundeten die Räumlichkeiten; verteilten uns größflächig, fanden wieder zusammen.
Für den wahren Kunstgenuß fehlte uns ausnahmsweise das Interesse. Aber wir haben "ES" mal gesehen. Nicht nur von außen. ZI und Heiko kamen sogar überein, daß allein die Treppen einen Besuch wert wären. Sie könnten stundenlang ‚rauf- und wieder ‚runtersteigen.

Naja, wer’s mag.

Bauch-Beine-Po-Training geht auch preisgünstiger.

Wir entschieden, noch ein drittes Ziel in Angriff zu nehmen. Das Richtige zur Geisterstunde.

Die Pathologie.


Glücklicherweise mußte, äh wollte ich auf Drängen der lieben Frau Frülln die vor drei Stunden beim "geilen Peter" abgelieferte Sushi natürlich auch wieder abholen.
Gar nicht so einfach. Ein Strom ausreisewilliger Umländer kam uns bereits entgegen. Alle mit Auto, alle aus einer Richtung.
Die Straßen- und Baustellensituation rund um den Veranstaltungsort ist momentan etwas, na sagen wir, schwierig. Selbst Schleichwege sind großflächig entweder aufgebuddelt bzw. umgezäunt. Wegen dreier Fußballspiele wird ja ein immenser Aufwand betrieben.
Somit blieben nur wenige Alternativen: Wir reihten uns frohen Mutes ein in die sozialistische Wartegemeinschaft. Der Blechkarossenstrom floß nicht schnell, aber er floß. Schnell fahren kann jeder. OK, fast jeder.

Man kann sich ja auch mal unterhalten.

Oder etwas schnabbulieren.


Zum gemeinsamen Verzehr stellte ich bereitwillig eines meiner Bonbons für mich und eine der drei anwesenden Damen zur Verfügung. Mein Plan: Erst lutsche ich die Hälfte, dann die "Nuckelpartnerin". Die Übergabe – so stellte ich mir das jedenfalls vor – sollte direkt von Mund zu Mund erfolgen; Oralverkehr sozusagen. Das Motto des Abends hieß ja bekanntlich "Transit".
Leider kam es dann doch nicht dazu, die Damen stellten sich diesbezüglich zickig an.

Das Thema ist aber noch nicht vom Tisch.


Weiter im Text.

In der Pathologie angelangt (mittlerweile war es kurz vor zwölf), stellte sich schnell heraus, daß sich die Befürchtungen, durch ein Gruselkabinett menschlicher Abscheulichkeiten wandeln zu müssen, natürlich nicht bewahrheiteten. W
enn schon ein Gunther von Hagens mit seinen Plastinaten so viel Aufsehen erregt, dann werden wohl kaum die richtigen Schätzchen aus den Kellern geholt. Und Pathologie ist ja auch nicht gleichzusetzen mit Gerichtsmedizin. Diesbezüglich muß ich also von meinen Erinnerungen leben. Vor mittlerweile 22 Jahren hatte ich zwei Mal die Gelegenheit, im Rahmen meiner vorstudialen Betreuung die gerichtsmedizinischen Sammlungen zu besichtigen.

Leute, das war ein Fest.

Mit ’nem Messer im Kopf lebt man nicht sehr lange.

Gut, haben wir das auch mal gesehen.

Und nun? Die Nacht war noch jung.


Gehen wir "noch was trinken"?


Wir gehen.

Zum stadteigenen Catwalk in’s Barfußgässchen.


Hier reiht sich Freisitz an Freisitz; dazwischen schlängelt sich ein schmaler Pfad für die Models.
Das zahlreich angereiste Publikum hatte sich bereits niedergelassen und beobachtete die im Gänsemarsch defilierenden Fußgänger. Wir gesellten uns dazu. Zum Publikum.

Leider ist noch kein Hochsommer, ein Freisitz also nicht ganz hüllenlos zu benutzen.

Der Wind pfiff um die Ecke.


Die Wärmestrahler strahlten zwar Wärme, vermochten es jedoch nicht, eine wirklich heimelige Atmosphäre zu verbreiten. Um ihrem Namen zu entsprechen und den eigenen Kreislauf in Schwung zu halten, begann "Dings", im schnellen Rhythmus ihre Beine zu bewegen. Man kennt sie ja auch gar nicht anders. Sobald das Quecksilber eine magische, mir nicht bekannte Schwelle unterschreitet, vibriert es bei ihr untenrum. Ist vielleicht auch genetisch bedingt. Wer weiß.

Ilka vom Stamme der gemeinen "Zappler".


Davon abgesehen, scheint sie trotzdem ’ne ganz liebe zu sein.

Frau Sushi hingegen hatte weniger Probleme mit ihren unteren Extremitäten. Vielmehr kontaktierte in unregelmäßigen Abständen ein fremdes weibliches Langhaarbüschel von hinten ihr rechtes Ohr und wollte wahrscheinlich etwas mitteilen. Ungewollt natürlich. Dies erinnerte mich an Robert Redfords Film "Der Pferdeflüsterer". Nur hier eben nicht mit Pferden sondern mit Pferdeschwänzen.

Der "Schwanzflüsterer" war geboren.


(Ähnlichkeiten mit bekannten Sexualpraktiken sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.)

Eine nähere Beziehung zwischen Haarschopf und Sushi-Ohr kam letztlich aber nicht zustande.

Sie sind einfach zu verschieden.


Und spät (respektive früh) war es ja auch schon.

Also ab nach Hause, vorbereiten auf den Grillabend. Aber das ist eine gaaanz andere Geschichte…

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