Duftbaeumchens Blog

Verdunklungsgefahr

Posted by duftbaeumchen - 27. März 2006

Übermorgen, am Mittwoch, versteckt sich mal wieder die Sonne hinter dem Mond; oder der Mond drängelt sich vor – wie man will. Auch wenn wir dieses Schauspiel in deutschen Landen nur teilweise mitbekommen, so erinnere ich mich doch noch sehr gut an die letzte hier zu beobachtende totale Sonnenfinsternis.
 
Ich weilte zwecks Abschaltung von der Arbeitswelt in Ungarn. Wie es der Zufall so wollte: Genau am 10. August 1999 war Rückfahrtag. Unser Weg führte uns durch Österreich, wo wir einen Übernachtungszwischenstop einlegten, weil einem Teil der Gruppe die über tausend Kilometer am Stück zu lang erschienen. Am Morgen des nächsten Tages gab es Streit über den weiteren Verlauf des Rückweges. Die älteren Herrschaften wollten auf schnellen Sohlen zurück nach Leipzig, die "Jungspunte" (also alle unter 45) dagegen wollten sich dieses Schauspiel unter keinen Umständen entgehen lassen.
Und dafür schien eine Autobahn nun mal nicht der geeignete Ort zu sein. Es sei denn, ein Stau zwänge uns, länger an einer Stelle zu verweilen.
Die "Sonnenhungrigen" setzten sich durch und wir fuhren "über die Dörfer". Also mehr drumrum und mittendurch.
Bei Braunau in Oberösterreich bogen wir von der Hauptstraße ab und erklommen einen Berg. Da Österreich mit sehr vielen Bergen bebaut ist, war die Suche nach einem passenden Aussichtspunkt gar nicht so einfach. Doch unsere Wahl war weise. Unser Blick konnte einen weiten Teil der Landschaft überstreichen. Es war warm, der Feldweg unbelebt.
 
Und der Himmel bedeckt.
 
Den Presse- und Wetterberichten zufolge schrammten unsere deutschen Landsleute wohl knapp an der Sichtbarkeit dieses Jahrhundertereignisses vorbei. Angesichts der über uns hinwegziehenden Wolken keimten Zweifel an der Richtigkeit unseres Tuns auf.

Eine halbe Stunde war noch Zeit. Eine halbe Stunde harrten wir aus. Ich machte es mir auf meiner Isomatte bequem. Snacks wurden ‚rumgereicht; die vorsorglich mitgeführten Schutzbrillen bereitgelegt.
 
Der Zeitpunkt des Versteckspiels rückte näher. Nur noch wenige Minuten bis zur vollständigen Verdunkelung. In den Wolkenlücken konnten wir bereits den Beginn der Schiebeaktion beobachten.
Und dann das: Zehn Minuten vor der Angst, als ob der Wettergott ein Nachsehen mit uns armen Würstchen hatte, riß der Vorhang auf. Nur noch kleine, unbedeutende Federwölkchen zogen über uns hinweg. Der Leuchtkörper bestrahlte kilometerweit sichtbar das Land. Die Wälder, die kleinen Ortschaften, die Seen.
 
Dann ging’s los.
 
Nun wird ja bei einer Sonnenfinsternis nicht einfach so das Licht ausgeknipst. Vielmehr vollzieht sich dieser Vorgang mehr oder weniger fließend.
Genau aus der Richtung mit dem weitesten Sichtfeld strömte die schwarze Flut auf uns zu. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, die Grenze zwischen Hell und Dunkel würde weniger stark sichtbar sein. Was ich nun aber beobachten konnte, stellte meine Vorstellungen weit in den buchstäblichen Schatten. In hoher Geschwindigkeit, aber doch genau verfolgbar, wurde die Landschaft in graue Farbe getaucht. Als ob jemand eine Decke über die Häuser und Straßen zog. In wenigen Momenten erreichte sie unsere Köpfe. Die Dunkelheit raste auf uns zu.
Ich fühlte mich winzig klein, so unbedeutend. Ein Lichtlein in Millionen Jahre währendem Menschsein. Mir läuft es heute noch kalt den Rücken ‚runter, wenn ich an diese Minuten denke.

Die Sonne war weg. Nur noch ein schmaler Rand zu sehen, Dämmerung um uns herum.
 
Wir sprachen kein Wort.
 
Nur Stille.
 
In weiter Entfernung konnten wir erleuchtete Fenster sehen. Ein paar Kilometer dahinter wiederum wurde der Stoff bereits gelüftet und die Sonnenstrahlen bekamen wieder ungehindert Zugang zur Erdoberfläche.

Genauso schnell wie die Aktion begann, war sie auch wieder vorbei.
 
Wow.
 
Stetig wurde der Mond aus dem Sichtfeld zwischen Sonne und uns herausgeschoben, der Dimmer wieder aufgedreht.
 
Alles sah aus wie vorher.
 
Doch in mir drin hatte sich etwas geändert.
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