Duftbaeumchens Blog

geheime Verschlußsache

Posted by duftbaeumchen - 19. März 2006

Ich habe eingepullert. Also früher.
Mittlerweile bin ich ganz gut in der Lage, überschüssige Körperflüssigkeiten auch über längere Zeit tropffrei in mir zu speichern. Man(n) entwickelt sich schließlich weiter.
Meine letzte Selbstbenässung liegt mehr als dreißig Jahre zurück und doch kann ich mich noch sehr genau daran erinnern.
 
Es ist Sommer. Einen Teil der damals noch acht Wochen dauernden Ferien verbringe ich bei Tante Hedi auf dem Lande. Landwirtschaft im herkömmlichen Sinne betreibt sie aus Alters- und Alleinseinsgründen nicht mehr, darf jedoch ein kleines Grundstück samt Häuschen und außenliegendem Miniacker ihr Eigen nennen. Außer einem Hund und diversen land-typischen Spinnen- und Krabbelkriechern sind auch keine Nutztiere mehr anwesend.
Nur wir drei – wenn man mal von der zur Untermiete im Erdgeschoß wohnenden und gehbehinderten Frau Gröbers absieht.
Der Komfort beschränkt sich auf ein Waschbecken in der Küche und eine Toilette im Erdgeschoß. Ich bewohne ein kleines Gästezimmer; abends gibt es Schwarz-Weiß-Fernsehen, Automarken-Bestimmen am Fenster oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Den Tag verbringe ich auf dem Dachboden oder dem ortseigenen Sperrmüll beim Stöbern in alten Sachen. Ich gehe mit Flocki – einem Mischling vom Stamme der indischen Froschwürger – spazieren oder werde zum Einkaufen geschickt. Beispielsweise zum "Essig-Mann" am Dorfeingang. Der macht Senf und andere Würzigkeiten noch selber. Mit dem Oma-Wägelchen ziehe ich schüchtern los und lasse Flaschen und Gläser mit unterschiedlichen Essig- und Senfkreationen füllen.
 
Lang ist’s her. Es ist eine schöne Zeit.
 
Doch ich schweife ab.
 
Zurück zum Thema.
Über Nacht hat sich im menschlichen Körper ein gewisses Maß an Flüssigkeit angesammelt.

Die Umgebung ist still, alles schläft noch. Die Sonne entsteigt gerade ihrem Nachtlager, Vögel begrüßen tirilierend den neuen Tag, frische Landluft strömt in mein Schlafgemach.
 
Morgens halb sieben in der DDR.
 
Die Blase drückt.
 
Als sie sich anschickt überzulaufen, schleiche ich leise nach unten. Es ist höchste Zeit.
 
Nur zwei Türen trennen mich vom erlösenden Porzellan.

Für die Jugend nur schwer vorstellbar, aber bei Tante Hedi gab es noch keine Innentoilette wie wir sie heute kennen.
Ein kleiner Anbau am Haus beherbergte ein "Wasser"-Klosett, welches die Herzchen-Holzhütte neben dem Komposthaufen vor nicht allzu langer Zeit abgelöst hatte. Mitte der siebziger Jahre ein riesen Fortschritt. Wobei… Ein Wasserklosett ist es nicht wirklich. Mehr ein Keramikplumpsklo mit orangefarbenem Plasteeimer für die Spülung. Eine fußbetätigte Metallklappe versperrt menschlichen Abfallprodukten den ungebremsten Fall in die Tiefe und unangenehmen Düften den Weg nach oben.

 

Doch eine der Türen ist verschlossen. Der innere Druck wird stärker und ich kann es kaum noch halten. Jeder wird das kennen: Je näher man dem Ort der Erlösung kommt, desto agressiver wird der Drang des Wasserlassens.
Ungeduldig von einem Bein auf’s andere tretend drehe ich am Schlüssel.

Der Schließer bewegt sich nach links…
 
… doch die Tür bleibt zu.
 
Da hilft keine Rütteln und Ziehen – der Weg ist versperrt.
 
Dann wird es warm am Bein. Und feucht. Eine kleine Pfütze bildet sich auf dem schwarz-weiß gefliesten Boden; ein dunkler Fleck zeichnet sich an der Innenseite des rechten Schlafanzughosenbeins ab. Nun ist es passiert.

Erleichterung.

 
Eine Spur nach mir ziehend schleiche ich wieder nach oben und hole einen Lappen, den Schlamassel zu beseitigen. Nachdem ich auch die Hose notdürftig (komisches Wort) ausgewaschen und zum Trocknen an mein kleines Fenster gehängt habe, begebe ich mich vorerst wieder ins Bett und harre der ersten Lebens- und Küchenklapperzeichen meiner Gastgeberin.
 
Niemand hat etwas gemerkt. Bis heute.
 
Ihr seid die ersten, die davon erfahren.
 
Ach ja. Und was war die Ursache für dieses Mißgeschick?
Ein kleiner zusätzlicher Riegel unterhalb des Schlüsselloches; dutzende Male vorher selbst benutzt und doch im Moment des Drangs verdrängt und mißachtet.
 
Heute wird mir solches nicht mehr passieren. Ich verriegle nachts keine Tür mehr…
 
… und trage keine Schlafanzughosen.

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: