Duftbaeumchens Blog

alte Kameraden

Posted by duftbaeumchen - 1. Juli 2005

eine Nachlese
 
"Mensch, seid ihr dick geworden.", schoß es mir durch den Kopf. Ich war einer der letzten, die eintrafen.
Die ehemaligen Polizeischüler und einige Ausbilder hatten sich bereits im Funktechnik-Museum versammelt und ließen "die alten Zeiten" Revue passieren.
Wieder waren fünf Jahre seit dem letzten Treffen vergangen. Wir stöberten in alten Klassenbüchern – Mann, war ich gut – und spielten an der Technik herum. Flugs wurde ein alter UAS aus der Garage geholt.
Tja, mit sowas sind wir früher durch’s Gelände.
 
Viel hatte sich auf den ersten Blick im Objekt nicht geändert. "Unser" Haus zwo, in dem wir fast vier Jahre gemeinsam das Studium absolvierten, sah noch genauso aus wie früher. Im Fernsehraum standen noch immer zwei RFT-Schwarz-Weiß-Geräte (die sogar noch Bild und Ton von sich gaben), auch fanden sich Überreste längst abgehangener Wandzeitungen wieder.
Hier erlebte ich die historische Pressekonferenz mit, auf der Günter Schabowski die Öffnung der Berliner Mauer verkündete. Während des "Revierreinigens".
Seit fünfzehn Jahren war hier kein Pinsel geschwungen worden. Die drei Toiletten, die für uns maximal zwanzig Leute ausreichten, sind mittlerweile gesperrt; sehen aber genauso aus wie an dem Tag, als wir das Objekt verließen. Auch die DDR-Wasserhähne der fünf Waschbecken sind noch die gleichen.
 
Es hat sich allerdings doch etwas getan.
Die Schule existiert nach wie vor als Ausbildungsstätte der Polizei. Das bereits 1989 neu errichtete und viele Jahre bestimmungslose Schulgebäude ist nun endlich fertig und mit moderner Technik ausgestattet. Auch die Schüler wohnen heutzutage in ausreichend komfortablen Zwei-Bett-Zimmern mt eigenem Bad. Dafür erfuhren ehemalige Schulungsräume und Büros eine Generalüberholung.
 
Bis auf zwei, die gleich mit der Wende die Polizei verließen, sind alle noch bei der Truppe. Jeder hat, wenn vielleicht auch über Umwege, seinen/ einen Platz im Staatsgetriebe gefunden. Auch das Kantinenessen in den Behörden scheint so schlecht nicht zu sein. Zumindest spannt bei der Mehrzahl der Genossen Offiziersschüler a.D. das Hemd ganz schön am Bauch. Und die Haare werden auch weniger. Wir sind halt schon alt.
 
Es dauerte trotzdem nicht lange und die Vergangenheit hatte uns eingeholt. Anekdoten wurden zum Besten gegeben;  Fotos und Dokumente der späten 80er Jahre begutachtet. Aus heutiger Sicht erscheinen uns manche Begebenheiten seltsam, Verfahrensweisen und Regelungen ließen uns schmunzeln. Doch kannten wir es nicht anders, waren Kinder der Zeit. Wir wurden mit Informationen gefüttert, die, im Nachhinein betrachtet, doch recht einseitig waren. Regimebedingt. Vier Jahre lang fünf Tage die Woche unter "Aufsicht" lassen nun mal keinen umfassenden Blick auf das Ganze zu. Westfernsehen gab es, wenn überhaupt, nur heimlich bzw. am Wochenende zu Hause. Inoffiziell. Wir haben trotzdem überlebt und unseren Weg gefunden. Jeder seinen.
 
Nachdem die letzten Flaschen geleert waren, kehrte Ruhe ein. Inzwischen war es halb drei. Ich schaute noch einmal zum Fenster hinaus in die Nacht. Stille. Volleyballplatz, Feuerlöschteich, die Unterkünfte und der Speisesaal – wie früher. Nur die Lampen strahlten heller. Wir haben ja jetzt auch Westen.
 
Wecken am nächsten Morgen.
Nicht über Lautsprecher; der Frühsport fiel aus. Wir trafen uns noch einmal zum Frühstück.
Zusehends verkleinerte sich die Gemeinschaft und halb elf passierte das letzte Fahrzeug die Pförtnerloge.
 
Ein Abend der Erinnerungen war vorüber. Wie schnell die Zeit vergeht.
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